Eine Kamera, mit der man richtig fotografieren kann, für grade mal 25 Euro? Wo ist der Haken? Ganz einfach: Ihr müsst das gute Stück selbst zusammenbasteln. Ich habe mir den kleinen Rollei-Klon mal genauer angeschaut.

Einen guten Eindruck macht schon mal die Verpackung. So, wie der Bausatz beim künftigen Fotografen ankommt, ist er schon mal prima als Geschenk für experimentierfreudige Kollegen mit Basteltalent geeignet. Erwähnenswert ist auch die Anleitung, die das Geld schon fast alleine Wert ist: Auf 38 DIN-A-4-Seiten erfährt man nicht nur, wie man aus den paar Plastikteilen eine funktionierende Kamera zusammenschraubt, sondern bekommt darüber hinaus einen Schnellkurs in Sachen Fotogeschichte, Filmentwicklung und viele Tipps für kreative Experimente. Das Kit ist damit auch bestens für Schulklassen, Fotokurse und -Clubs geeignet.

Der Bau ist in der Anleitung mit vielen Abbildungen bestens dokumentiert. Das benötigte Werkzeug liegt zwar bei, doch das ist nicht unbedingt der „Weisheit letzter Schluss“. Wer sich die Arbeit leichter machen will, besorgt sich einen vernünftigen Feinmechanik Kreuzschlitz-Schraubendreher, Größe PH 1 sollte gut passen. Auch ganz nützlich: Eine kleine Tube Teflon- oder Silikonfett aus dem Modellbaubereich. Das ist zwar nicht unbedingt nötig, macht aber den Verschlussablauf und vor allem den Filmtransport und die beiden Schneckengänge der Objektive um einiges geschmeidiger. Wichtig: Sparsam anwenden. Und, wenn die Kamera regelmäßig benutzt wird, die bewegten Teile immer wieder mal reinigen und nachfetten.

Aus diesen Bauteilen entsteht, in einer knappen Stunde entspannter Bastelei, eine funktionierende Spiegelreflexkamera

Alles in allem habe ich eine knappe Stunde für den Bau benötigt. Dann konnte ich auch schon den ersten Film einlegen. Und mich wundern, warum die Bildfeld-Anzeige für den korrekten Filmtransport nicht richtig funktioniert. Obwohl ich sie korrekt montiert habe und das Zahnrad, das in die Filmperforation eingreift, sehr leichtgängig lief. Des Rätsels Lösung ist einfach: Man muss beim Drehen des Transportrads leicht auf die Gehäuserückwand drücken. Dann klappt’s.

Nach ungefähr 20 Minuten sind Verschluss und Filmtransport fertig montiert

Da nur eine einzige Verschlusszeit und eine feste Blende zur Verfügung stehen, kann man sich den Belichtungsmesser sparen. Fokussiert wird, wie noch von 30 Jahren absolut üblich, nach Mattscheibe durch Drehen an den gekoppelten Objektiven. Die „Belichtungsautomatik“ übernimmt der Film. Man nutzt halt einfach den Belichtungsspielraum. Weshalb ich auch am ehesten zum IIford XP2 super 400 rate. Wer selbst entwickeln will und sich den Aufwand des C-41-Prozesses sparen möchte, nimmt halt den IIford HP 5 Plus 400.

In Farbe geht’s natürlich ebenso. Den Lomography Color Negative gibt’s auch mit ISO 400 und sogar ISO 800, da hat man ausreichend Spielraum. Wer die kreativen Experimente auf die Spitze treiben will, sollte auch ruhig einmal einen Versuch mit dem Lomochrome Purple XR 100-400 wagen und sich von den Ergebnissen überraschen lassen. Tipp: Wenn Du den „Purple“ zum Entwickeln im Drogeriemarkt abgibst, schreib‘ auf die Tüte, dass es sich um einen „besonderen“ Film handelt. Das Labor wird sonst eventuell die Bearbeitung der Prints ablehnen.

Fotografiert wird auf Kleinbildfilm, vorzugsweise mit möglichst hohem Belichtungsspielraum.

Wie die Bilder, die mit der Retro-Kamera zum Selberbauen entstehen, ausschauen? Ich warte erst mal auf Fotowetter. Sobald die ersten Prints fertig sind, zeige ich sie Euch. Lasst Euch überraschen und schaut mal wieder vorbei.

Doppeläugig – Aufstieg und Fall der zweiäugigen Spiegelreflexkamera
Die 1929 vorgestellte Rolleiflex eroberte schnell die Herzen der fotografischen Welt. Was machte sie so einmalig? Das zweite „Auge“, das Sucherobjektiv, ermöglichte erstmals eine perfekte Bildkontrolle. Das Sucherbild auf der Mattscheibe entsprach der Negativgröße, beide Objektive wurden gleichzeitig „scharfgestellt“. Die Verwendung des konfektionierten Rollfilms trug zu einer weiteren einfachen Handhabung bei.
Bis in die Siebzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts war dieser Kameratyp das bevorzugte Werkzeug vieler Fotoreporter, Amateure und Fotostudios. Dann machte der technische Fortschritt auch diesen Kameratyp obsolet.
Die Sonderausstellung Doppeläugig – Aufstieg und Fall der zweiäugigen Spiegelreflexkamera zeigt die Rolleiflex und ihre Epigonen und stellt den gesamten Lebenszyklus dieses Kameratyps dar. Sie ist vom 29. April 2018 bis 15. März 2019 im Haus aus Queck (Haus der Foto- und Filmgeschichte) im Hessenpark zu sehen.

Ein Besuch im Hessenpark lohnt sich für Fotofreunde derzeit auch wegen der sehr sehenswerten Ausstellung Fotoalbum Walter Löber, die seit dem 08. April und noch bis zum 02. Dezember 2018 zu sehen ist.

Retro-Kamera zum Selberbauen
IIford HP 5 Plus 400
IIford XP2 super 400 – 10 Stück
Lomography Color Negative
Lomochrome Purple XR 100-400

Robert Hill