Wer seine Weitwinkel-Objektive nur verwendet, damit die Kirchturmspitze noch auf’s Bild kommt, verschenkt viel von deren Möglichkeiten. Denn dafür braucht man sie eigentlich nicht (mehr): Ein Schritt zurück, und der Dom ist komplett im Bilde. Wenn das nicht geht, macht man halt zwei Fotos und bastelt die in Photoshop zusammen.
Der eigentliche Sinn des großen Bildwinkels besteht in der Betonung des Vordergrunds, der mit dem Umfeld in Beziehung gestellt wird.

Und genau das macht die Sache spannend. Denn beim Tele reicht eine große Blende, um den Hintergrund in wohlwollende Unschärfe zu tauchen. Das vereinfacht die Gestaltung, doch das Ergebnis sind meist langweilige Bilder.

weitwinkel_01

Langweiliger kann man ein Weitwinkelobjektiv kaum einsetzen: Der Vordergrund nimmt über ein Drittel des Bildes ein und stört mehr, als er zur Information beiträgt. Die Bucht in der Mitte sollte wohl das Motiv sein. Schade nur, dass sie von den Bäumen vorne verdeckt wird. Darüber ein blauer Himmel mit ein paar Wölkchen. Fertig ist ein Urlaubsfoto, an das sich kaum jemand länger erinnern wird.

Eine alte Binsenweisheit zur Bildgestaltung sollte jeder im Kopf haben – und vor allem umsetzen. Erst Recht, wenn ein Weitwinkelobjektiv zum Einsatz kommt. Wobei hier schon dem Vordergrund viel Beachtung geschenkt werden muss. Da er in vielen Fällen das eigentliche Motiv ist.

1.) Vordergrund macht’s Bild gesund
2.) Mittelgrund tut Absicht kund
3.) Hintergrund nie kunterbunt

weitwinkel_05

Ein tiefer Standpunkt und das Weitwinkel lassen den Truck groß und mächtig wirken, die Perspektive fesselt den Betrachter.

 

weitwinkel_02

Nahe ran, dann ist das 40 cm lange Modell im Vordergrund plötzlich größer als sein Vorbild!

„Wenn deine Bilder nicht gut genug sind, warst du nicht nah genug dran.“

Dieser Satz stammt von Robert Capa, er hat immer noch Gültigkeit. Nur, dass die meisten von uns das Glück haben, sich nicht gleich eine Kugel einzufangen, wenn sie den Rat beherzigen. Die kurze Brennweite bringt einerseits Dynamik ins Bild, der Betrachter wird in die Szenerie „reingezogen“. Doch vor allem wird das Sujet in Bezug zu seinem Umfeld gesetzt. Das „Drumherum“ erzählt die Geschichte, das Bild sagt mehr als die berühmten 1.000 Worte.

weitwinkel_03

Auf den Hintergrund sollte man bei Weitwinkelaufnahmen besonders achten: Der Krabbenkutter hat an der hessischen Lahn nichts zu suchen …

weitwinkel_04

So ist es besser: Der Unimog auf dem städtischen Bauhof. Dass es sich um ein Modell handelt, wird erst auf den zweiten Blick klar.

Das bedeutet für uns, dass wir dem Hintergrund und dem Umfeld schon vor dem Druck auf den Auslöser die Beachtung schenken müssen, die es verdient, um seine Geschichte erzählen zu können. Dann wird das Weitwinkel plötzlich zum Portrait-Objektiv, das mehr zeigt als nur einen Charakterkopf!

weitwinkel_06

Ein Weitwinkel für Portraits? Aber selbstverständlich!

 

weitwinkel_07

Ein Bild sagt mehr als 1.000 Worte. Es kann eine ganze Geschichte erzählen!

 

 

Robert Hill