Schaut man sich die Objektivpalette an, die das Sortiment der meisten Anbieter in den letzten Jahren ergänzt hat, möchte man fast glauben, das höchste aller Ziele sei ein möglichst unscharfer Hintergrund, um das Motiv freizustellen. Lichtriesen mit hoher Anfangsöffnung und einem „cremigen Bokeh“ sind das erklärte Ziel. Fast möchte man meinen, dass Fotos auf denen – außer einer eng begrenzten Partie des Hauptmotivs – noch irgendwas zu erkennen ist, in die virtuelle Mülltonne gehören …

Eine Voigtländer Vito BL mit einem Color-Skopar 1:3,5/50 mm: Das reichte meinen Eltern, um das gesamte Familienleben – zunächst auf Ilford FP 3, dann meist auf Agfa CT 18 – festzuhalten. Einschulung, Urlaubsreisen, Ostern und immer wieder Weihnachten. Was dabei auffällt: Durch den Blickwinkel des „Normalobjektivs“ und die relativ geringe Anfangsöffnung ist (fast) immer, außer dem Hauptmotiv (meist eines oder mehrere Familienmitglieder), auch einiges von der Umgebung zu erkennen. Und grade dieser Bezug zum Umfeld macht die Aufnahmen heute interessant. Zeigen sie doch den Kontext, auf den es ankommt.

Die Füße abgeschnitten, oben zu viel drauf. Immerhin ging meine Mutter mit der Vito BL auf Augenhöhe. Und trotzdem: Grade der Teppichklopfer an der Garagenwand, die Reihenhäuser im Hintergrund und die angeschnittene Sandkiste rechts unten im Bild machen das Foto zum Zeitdokument. Preisfrage: Der junge Mann in der Bildmitte wurde ca. 15 Jahre später Fußball-Bundesligaprofi. Wer erkennt ihn? Tipp: Er kickte beim TSV 1860 München.

Dafür braucht’s dann auch keine teuren Objektive. Das Kit-Zoom, sogar das Smartphone, reichen völlig. Und genau der „Siegeszug“ der flachen Multitalente ist m. E. auch ein Grund, warum in letzter Zeit ein kleiner Hype um die „Lichtriesen“ von den Kameraherstellern gepushed wird. Für „normale“ Fotos reicht den meisten die Qualität, die iPhone, Galaxy & Co. liefern, völlig aus. Um sich davon abzusetzen und weiterhin „vernünftige“ Kameras in relevanten Stückzahlen verkaufen zu können, musste ein Trend gesetzt werden, der sich von den „Smartphone-Knipsern“ deutlich absetzt: Auf einmal sind die Freistellung des Hauptmotivs und ein möglichst weicher Unschärfeverlauf wichtig, fast schon “Religion”.

Die Kleinstadt Mitte der 60iger Jahre. Eigentlich wollte mein Vater seine junge Familie fotografieren. Der Bezug zum Umfeld macht das Foto heute interessant.

Warum nicht mal wieder die Rollei 35 oder die Minox GT aus dem Schrank holen, einen Film einlegen und ein Zeichen gegen alle Trends setzen? Das macht einen Riesenspaß, glaubt es mir. Was? Deine Kleinbildkamera ist längst bei Ebay verklopft worden? Schau mal hier: Die Lomo LC-A+ ist ein würdiger Nachfolger für unbemerkte Schnappschüsse aus dem „richtigen Leben“.

Was ein paar Zentimeter ausmachen: Wenn die Kamera etwas höher wandert, ist die Landschaft zu erkennen und stellt einen Bezug zum Motiv her.

Lomo LC-A+
Ilford Pan F Plus
IIford FP 4 Plus 125
IIford HP 5 Plus 400
IIford XP2 super 400 – 10 Stück
Rollei CHROME CR 200 / 10 Stück

Robert Hill