Es gehörte einst zur Grundausstattung jedes Fotografen: Das so genannte „Normalobjektiv“. Auch, weil bei fast allen Sucherkameras diese Brennweite fest montiert war, prägte der Bildwinkel über Jahrzehnte unsere Sicht der Dinge. In letzter Zeit vom „Standardzoom“ abgelöst, fristet es bei vielen ein Schattendasein im Kameraschrank. Freunde, es ist höchste Zeit das zu ändern. Denn das „Fünfziger“ ist mehr als ein Notbehelf aus Zeiten, als es nichts anderes gab!

Kürzlich wurde in einem Fotoforum ein Thread mit dem Thema „Wozu braucht man ein Normalobjektiv“ eröffnet. Es entwickelte sich eine lebhafte Diskussion, die durchaus interessant zu verfolgen ist. Und mich wieder mal daran erinnert, dass auch in meinem Kameraschrank einige Objektive mit einem Bildwinkel um die 46° – leider meist unbenutzt – stehen. Die Gründe dafür sind auf den ersten Blick einleuchtend: Mit einem Standardzoom ist man weit flexibler und Lichtstärke 2,8 – vor allem in Zeiten der Digitalfotografie – fast immer ausreichend.

Definition: Was ist ein „Normalobjektiv“?
Wie ein paar Zeilen weiter oben erwähnt, bezeichnet man damit alle Objektive mit einem Bildwinkel um die 46°. Rechnerisch lässt sich die Brennweite ermitteln, wenn man bei Pythagoras nachfragt: Es ist ungefähr die Diagonale des Film-, bzw. Sensorformats. Bei Kleinbild beträgt dieses Maß exakt 43,26 mm, die man großzügiger Weise auf 50 mm aufgerundet hat. Im Alltag kann man alle Brennweiten zwischen 40 und 60 mm, auf 24×36 bezogen, als Normalobjektive bezeichnen. Bei anderen gängigen Formaten sieht es aus wie folgt:
1“-Sensor: 18 mm
Micro-Four-Third (MFT): 25 mm
APS-C: 35 mm
Kleinbild: 50 mm
Mittelformat 6 x 6: 80 mm

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Die meisten modernen Normalobjektive ermöglichen auch schon recht brauchbare Makrofotos

Warum sich auf das „Normalobjektiv“ einlassen?
Die Gründe dafür sind so individuell wie wir Fotografen. Noch in den 80igern, als die ersten Zooms sich anschickten, das sonst obligatorische 50iger aus den Fototaschen zu vertreiben, sagte man gerne: „Das Normalobjektiv heißt Normalobjektiv, weil man es normalerweise nicht braucht“. Heute sehen das viele Kollegen wieder anders. Grund genug für die Hersteller, ausgerechnet für diesen Bildwinkel wieder richtige Edel-Linsen anzubieten. Wer einen Blick auf die Olympus-Preisliste wirft, wird feststellen, dass das Zuiko 1,8/25 mm zur Premiumlinie gehört und teurer als das Kit-Zoom gehandelt wird. Von Leicas aktuellem Apo-Summicron 2,0/50 ganz zu schweigen…. Es wird kaum jemand sein Konto um die dafür geforderte Summe erleichtern, der das Objektiv anschließend im Schrank liegen lässt.

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Ich mag diese Brennweite, weil sie nicht durch die spektakuläre Perspektive des Weitwinkels vom eigentlichen Motiv ablenkt. Und, weil im Gegensatz zum Tele, immer noch was von der Umgebung aufs Bild kommt, das das Gezeigte in einen Kontext stellt. Es ist ein meist kleines, handliches Objektiv mit hoher Lichtstärke und sehr guten optischen Leistungsdaten. Die mangelnde Flexibilität war noch ein Thema, als man auf Diafilm fotografierte und mit dem Ausschnitt, der im Bild war, zufrieden sein musste. Aber damals kam man auch damit zurecht: Ein paar Schritte nach vorn oder hinten, dann passte es. Und durch den Wechsel des Standpunkts ergeben sich neue Perspektiven, die zu einem konzentrierten Aufnahmestil erziehen und Abwechslung in die Bilder bringen. Trotz (oder wegen?) der „langweiligen“ Brennweite. Wenn’s wirklich nicht reicht, kann man heute bei der Nachbearbeitung in vertretbaren Grenzen durch Ausschnitte oder Stitchen mehrerer Belichtungen den Nachteil der fehlenden Flexibilität weitgehend ausgleichen.

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Der erste Urlaub, 1964 in Berchtesgaden. Spektakulär war für meine Eltern die Landschaft. Normal das Objektiv. Und die Perspektive, die durch die Landschaft einen Kontext herstellt.

Meine Eltern haben, von 1958 bis 1980 das ganze Familienleben mit einer Voigtländer Vito BL festgehalten. Zunächst SW, später auf Agfa CT 18. Entstanden ist ein Archiv mit über 5.000 Dias, die in diversen Magazinen die Zeit überdauert haben. Es ist der „rote Faden“ des 50iger Color-Scopar-Objektivs, der dieser Geschichte über 22 Jahre ein einheitliches, zusammenhängendes Bild gibt. Dann begann ich mit meiner Fotolehre und brachte die ganze schöne Ordnung mit dem dann angeschafften Objektivpark gehörig durcheinander. Gut, dass meine Eltern der Vito BL wenigstens noch ein paar Jahre treu blieben und alles wieder zusammen hielten …

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Lichtstärke ist nicht alles, aber manchmal geht’s nicht ohne. Diese nächtliche Szene wurde von einer einzigen Laterne sparsam beleuchtet.

Robert Hill